Vietnamesische Hochschulen bilden noch zu theorielastig und damit an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes vorbei aus. Deutsche Hochschulen und hier insbesondere die HAW/FH  bieten sich als passende Partner mit ihrer hohen Praxisorientierung an. Das neue Programm HAW.International kann Partnerschaften ideal fördern.

Ein Schlüssel für die weitere erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung Vietnams liegt in der Ausbildung junger Menschen, die den Anforderungen eines sich rasch wandelnden Arbeitsmarktes gerecht wird. Das ist bisher nicht der Fall, denn nach wie vor bilden die meisten Hochschulen in Vietnam sehr theorielastig und ohne moderne Lehrmethoden aus. Das sowjetische Bildungsmodell, das sehr auf die Vermittlung theoretischer Kenntnisse gesetzt hat, sowie ein traditionelles konfuzianisches Lehrverständnis, das die Lehrenden als Wissensquelle und "Vorlesenden" in den Mittelpunkt rückt, sind Gründe dafür.

So bilden viele Hochschulen am Arbeitsmarkt vorbei aus, mit der Folge einer hohen Arbeitslosigkeit unter Hochschulabsolventen. Laut einem Bericht des Ministry of Labor, War Invalids and Social Affairs (MOLISA) vom Juni letzten Jahres waren seit 2015 regelmäßig im Durchschnitt 200.000 Bachelor-Absolventen arbeitslos. Dabei wurden zu diesen Arbeitslosen noch nicht einmal die Absolventen hinzugezählt, die beispielsweise als Motorradtaxifahrer unterwegs sind oder als Straßenverkäufer ihren Lebensunterhalt verdienen. Angesichts von jährlich etwas über 300.000 Hochschulabsolventen ist diese Quote sehr hoch und hat dazu geführt, dass sich viele jungen Menschen und ihre Familien gegen ein Hochschulstudium entscheiden. Die Zahl der Studierenden an vietnamesischen Hochschulen geht seit einigen Jahren zwar nur leicht, aber kontinuierlich zurück.

Deutsche Hochschulen mit ihrer hohen Praxisorientierung sind daher in Vietnam sehr willkommene Partner, da sie vor allem mit einer arbeitsmarktgerechten Lehre, aber auch in der angewandten Forschung wichtige und wertvolle Impulse geben können. Das gilt verstärkt für die deutschen Hochschulen für angewandte Wissenschaften und Fachhochschulen (HAW/FH). Im Zuge ihrer verstärkten Internationalisierungsbemühungen suchen vietnamesische Hochschulen nach geeigneten Partnern, um kompetenzorientierte Curricula zu entwickeln oder um Lehr- und Lernmethoden vermittelt zu bekommen, die sich an den Realitäten eines modernen Arbeitsmarktes orientieren. Sie verfolgen mit den Partnerschaften zumeist auch einen Studierendenaustausch, um ihre Studierenden zielführend für den eigenen Arbeitsmarkt ausbilden zu lassen. Deutsche Hochschulen können im Gegenzug sehr gute, diszipliniert lernende und zumeist erfolgreiche Studierende erwarten, die nach ihrem Abschluss gegebenenfalls auch noch eine Zeit in Deutschland berufliche Erfahrungen sammeln. So entsteht eine Win-Win-Situation für beide Seiten.

Im Zuge der Reformbemühungen des Hochschulwesens sollen vietnamesischen Hochschulen auch vermehrt forschen. Der Fokus liegt dabei eher auf der angewandten Forschung – auch das passt gut zum Profil deutscher HAW/FH. Allerdings steckt die Forschung an vielen vietnamesischen Hochschulen noch in den Kinderschuhen, was neben der traditionellen Rolle der Hochschulen als "Lehranstalten" auch an der unzureichenden finanziellen Ausstattung liegt. Aber die Regierung möchte viele Hochschulen zu "Forschungsuniversitäten" ausbauen und dabei die Kooperationen mit internationalen Partnern fördern. Finanzielle Mittel müssen dabei vermehrt über Drittmittelprojekte der Ministerien oder auch der vietnamesischen Förderorganisation National Foundation for Science and Technology Development (NAFOSTED) eingeworben werden. Angewandte Forschung ist dabei vielen Hochschulen besonders wichtig.

Hochschulrankings spielen zwar auch in Vietnam eine Rolle, insbesondere seitdem es erstmals mit den beiden Nationaluniversitäten in Hanoi und Saigon zwei Hochschulen unter die Top 1.000 im QS-Ranking geschafft haben. Aber letztlich überwiegt das Ziel, junge Menschen für die Erfordernisse eines Arbeitsmarktes im Zeitalter von Industrie 4.0 optimal zu qualifizieren, sehr gerne mit deutschen HAW/FH.

Da passt es sehr gut, dass der DAAD aus Mitteln des BMBF sein neues Programm HAW.International ausgeschrieben hat. Es soll HAW/FH ermöglichen, die eigenen Studierenden durch die Internationalisierung der Curricula, durch internationale Kooperationen und durch möglichst niederschwellige Austauschprogramme auf einen globalisierten Arbeitsmarkt vorzubereiten. Vietnam mit seiner boomenden Wirtschaft, das sich als wichtiger Produktionsstandort etabliert hat und das in hohem Maße vom globalen Handel abhängt, kann dabei ein wertvoller Partner für die deutschen HAW/FH gerade im Kontext dieses neuen Programms sein, zumal das Programm im Rahmen von geförderten Kooperationsprojekten auch die bisher fehlenden Stipendien für Studierende nach Deutschland anbietet. HAW.International kann die Zusammenarbeit zwischen deutschen HAW/FH und vietnamesischen Hochschulen für beide Seiten sehr gewinnbringend forcieren.

(Stefan Hase-Bergen, 22. März 2019)

Stefan Hase-Bergen
Leiter der DAAD-Außenstelle Hanoi

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