Die Internationalisierung vietnamesischer Hochschulen beruht bis jetzt vor allem auf fragmentarischen Einzelinitiativen, die die internationale Integration vorangetrieben haben. Nun aber ist es Zeit für ein strategisch motiviertes Vorgehen, damit Internationalisierung übergeordneten Zielen folgt und nicht als Selbstzweck gesehen wird.

Vietnams wirtschaftliche Erfolgsgeschichte mit einem durchschnittlichen jährlichen Wirtschaftswachstum von über 6 Prozent hängt sehr eng mit seiner internationalen Integration zusammen. Das Land hat sich zu einem nachgefragten Produktionsstandort entwickelt, seine Wirtschaftsleistung hängt wesentlich von seinem weltweiten Im- und Export ab. Die "internationale Integration" wird als wesentlicher Faktor für die weitere sozio-ökonomische Entwicklung gesehen.

Seit rund 15 Jahren, seit der Formulierung der Higher Education Reform Agenda (HERA), sind auch die vietnamesischen Hochschulen aufgerufen, sich international stärker zu integrieren. Die Regierung unterstützt die Internationalisierungsbemühungen unter anderem durch die Bewerbung der Auslandsmobilität und entsprechende Regierungsstipendienprogramme. Inzwischen studieren rund 130.000 Vietnamesen im Ausland, die meisten davon in Japan, den USA und Australien. Auch Deutschland ist ein sehr gefragter Hochschulstandort, im vergangenen Jahr sind 17 Prozent mehr Vietnamesen zum Studium nach Deutschland gegangen als noch im Jahr zuvor (WS 2018: 4.800).

Aber die Internationalisierungsbemühungen vietnamesischer Hochschulen beschränken sich bis jetzt zumeist auf fragmentarische Einzelinitiativen, die oft ad hoc und auch zufällig entstanden sind, aber nicht auf Planung oder übergeordneten Ideen beruhen. Es gilt für diese Hochschulen, möglichst viele Studierende im Ausland studieren zu lassen, um damit auch den Wünschen der Regierung nachzukommen. Entsprechend suchen vietnamesische Universitäten intensiv nach internationalen Partnerhochschulen, an die sie ihre Studierende im Rahmen von Austauschprogrammen schicken können. Für deutsche Hochschulen ergeben sich hierbei hervorragende Möglichkeiten, gute und motivierte Studierende aus Vietnam zu gewinnen.

Umgekehrt bemühen sich vietnamesische Hochschulen darum, internationale Gastdozenten zu gewinnen, um so ihre Lehre zu internationalisieren. Das gilt insbesondere für die sogenannten "Advanced Programmes", die die Regierung als weiteren Baustein der "International Integration" eingeführt hat. Diese Programme werden auf Englisch und meist mit Unterstützung besagter Gastdozenten angeboten. Sie beruhen auf aus dem Ausland importierten Curricula, die mit ausländischen Lehrmaterialien unterrichtet werden. Dafür werden deutlich erhöhte Studiengebühren erhoben. Die "Advanced Programmes" haben an ihren jeweiligen Hochschulen durchaus die Internationalisierung vorangetrieben. Aber dadurch, dass die Curricula komplett aus dem Ausland übernommen werden, ohne sie an die Bedingungen in Vietnam anzupassen, fehlt die lokale Verankerung und Anpassung. Zudem gibt es die Programme nur an wenigen Spitzenhochschulen, und sie stehen nur wenigen Studierenden zur Verfügung, die sich die erhöhten Studiengebühren auch leisten können. In dieser Form verfehlen sie das übergeordnete Ziel, als Beispiele für eine Entwicklung moderner Studienprogramme und Curricula auf andere Hochschulen auszustrahlen.

Mit der Gründung sogenannter "Excellent Universities" wollte und will die vietnamesische Regierung Modelluniversitäten in Kooperation mit entwickelten Ländern aufbauen, die als Leuchttürme beispielgebend in die Hochschullandschaft in Vietnam wirken. Der Aufbau solcher "Exzellenten Universitäten" (Vietnamesisch-Japanische Universität 2014, Vietnamesisch-Russische Universität 2013, Vietnamesisch-Französische Universität 2009 sowie als Pionier die Vietnamesisch-Deutsche Universität 2008) soll die Autonomisierung der Hochschulen sowie deren Forschungskapazitäten modellhaft voranbringen. Eine Herausforderung ist dabei vor allem deren finanzielle Nachhaltigkeit sowie die Ausbildung und Rekrutierung hochqualifizierter vietnamesischer Hochschullehrer, um langfristig als vietnamesische Hochschule zu funktionieren. Auch hier ist die lokale Verankerung der Studienprogramme wie auch der Lehrkräfte eine Voraussetzung für den nachhaltigen Erfolg.

Die vielen Einzelmaßnahmen haben sicher geholfen, die vietnamesischen Hochschulen etwas stärker international zu positionieren. Aber es fehlt fast überall an strategischen Überlegungen, kaum eine Hochschule in Vietnam hat eine eigene Internationalisierungsstrategie entwickelt. Das wurde auf einem DAAD-Workshop am 19./20. April 2019 in Danang mit 60 Rektorinnen und Rektoren sowie Leitungen der International Cooperation Departments deutlich. Unter dem Titel "What has international integration to offer for universities in Vietnam" diskutierten sie Chancen und Herausforderungen der internationalen Integration. So werde Internationalisierung oft noch als Selbstzweck und "von oben" gefordert und gesteuert gesehen. Zudem gebe es, wie einige Rektoren erläuterten, teilweise große Widerstände an ihren Hochschulen, zum Beispiel Forschungsergebnisse auf Englisch international zu publizieren. Man habe die vorrangige Aufgabe, für Vietnam und auf Vietnamesisch zu publizieren, nicht auf Englisch für die Welt, so die Kritiker. Aber klar wurde auch, dass internationale Integration eine große Chance insbesondere zur Verbesserung der Lehre sein kann, um so den Anforderungen eines sich rasch entwickelnden und immer stärker ausdifferenzierende Arbeitsmarktes besser gerecht zu werden. Allerdings müsse sie nun viel mehr strategischen Überlegungen im Rahmen der übergeordneten Hochschulplanung und deren Zielsetzungen folgen.

Hochschulautonomie wird dabei als Chance für die Internationalisierung gesehen, um zum Beispiel über Studienprogramme in Zukunft unabhängig von langwierigen ministeriellen Genehmigungsverfahren selbst entscheiden zu können. Das macht auch für deutsche Hochschulen eine Zusammenarbeit mit vietnamesischen Partnern einfacher und attraktiver.

(Stefan Hase-Bergen, 26. April 2019)

Stefan Hase-Bergen
Leiter der DAAD-Außenstelle Hanoi

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