Seit 20 Jahren gibt es Pläne, die großen Universitäten aus dem Zentrum Hanois an den Stadtrand und in die Vorstädte von Hanoi zu verlegen. Bisher aber ist es weitestgehend bei den Planungen geblieben, noch ist keine Universität endgültig umgezogen. Anders sieht es in Ho Chi Minh-Stadt aus.

Die Vietnam National University in Hanoi liegt mit ihren knapp 40.000 Studierenden im Stadtzentrum von Hanoi. Dort befinden sich noch viele andere Universitäten, darunter die Foreign Trade University, die Hanoi University of Science & Technology, die Hanoi Medical University oder die Hanoi Law University.

Um den großen Druck auf die Infrastruktur sowie vor allem auf den Verkehr durch die aktuell mehr als 600.000 Studierenden und Lehrenden in Hanoi zu reduzieren, hatte die Hanoier Stadtverwaltung schon 1998 erste Pläne entwickelt, diese und andere insgesamt zwölf Universitäten an den Stadtrand und in die Vororte von Hanoi zu verlegen. Nach chinesischem Vorbild, wo man in den großen Zentren auch die meisten bedeutenden Universitäten an den Stadtrand verlegt hat, sollen dadurch mehr Kapazitäten für die Universitäten selbst geschaffen werden, die in den letzten 20 Jahren enorm gewachsen sind, trotz eines leichten Einbruchs der Zahl der Studierenden in den letzten fünf Jahren. So soll die Nationaluniversität in das mehr als 30 km entfernte Hoa Lac im Westen von Hanoi umziehen. Neben der Entlastung der Infrastruktur in Hanoi sollten dadurch vor allem auch universitäre Zentren in den Satellitenstädten außerhalb Hanois mit einer entsprechend ausgebildeten Infrastruktur entstehen, die dann wiederum die dortige Urbanisierung vorantreiben sollten. Und sicher nicht zu vergessen: Dadurch können attraktive "Filet"-Grundstücke im Hanoier Stadtzentrum frei und zu hohen Summen an Investoren vergeben werden.

Bisher aber ist es weitgehend bei den Planungen geblieben. Nur wenige Vorhaben wurden begonnen, und noch ist keine einzige Universität umgezogen, ist kein einziges neues Universitätszentrum außerhalb von Hanoi entstanden. Der Grund liegt vor allem in der fehlenden Finanzierung des Baus der neuen Universitäten als auch der nötigen Infrastruktur.

Die Nationaluniversität begann ihr Bauprojekt in Hoa Lac 2003 mit finanzieller Unterstützung durch die Regierung. Aber bis heute sind nur einige Gebäude sowie Studentenwohnheime für rund 2.000 Studierende entstanden, die seit 2015 für einige obligatorische militärische Trainings genutzt wurden, ansonsten aber leer stehen. Das liegt auch daran, dass die Straßen in der Umgebung des neuen Universitätscampus bis heute nicht fertiggestellt sind. Der Verwaltung von Hoa Lac fehlen die finanziellen Mittel, um die nötige Infrastruktur bereitzustellen.

Ähnliches gilt auch für die Thuy Loi-Universität (Water Resources University), die einen fertigen Campus in der über 60 km südlich gelegenen Provinz Hung Yen hat. Aber auch dort fehlen Straßen und Infrastruktur, so dass die Universität bisher nicht bereit ist, ihre Studierenden dorthin zu schicken.

Anderen Universitäten fehlen die finanziellen Mittel, um einen neuen Hochschulcampus zu errichten, wie der Rektor der Hanoi Open University, Prof. Truong Tien Tung berichtete. Die Studiengebühren als wichtigste Einkommensquelle insbesondere der steigenden Anzahl von autonomen Hochschulen würden für derartige Infrastrukturprojekte nicht ausreichen.

Den Studierenden wie auch dem Hochschulpersonal ist diese Verzögerung sehr recht, denn mit einem Umzug wären lange Fahrtzeiten mit einem bisher unzureichenden öffentlichen Nahverkehr oder sogar der persönliche Umzug in die Satellitenstädte verbunden. Viele Studierende benötigen für ihren Lebensunterhalt Teilzeitjobs, die sie außerhalb von Hanoi nur schwer finden.

Für deutsche Hochschulen ist es eine gute Nachricht, dass ihre Partnerhochschulen weiterhin im Stadtzentrum von Hanoi liegen und so lange Fahrtzeiten in die Satellitenstädte nicht nötig sind. Ob das aber so bleibt, ist momentan völlig offen.

Der Blick auf Ho Chi Minh-Stadt zeigt eine etwas weiter vorangeschrittene Entwicklung: Aus den gleichen Gründen, die für Hanoi zutreffen, wurden vor allem im vom Stadtzentrum etwa 15 km entfernten Thu Duc im Nordosten der Metropole einige Universitäten unter dem Dach der Vietnam National University teilweise ausgelagert bzw. dort neu gegründet, darunter die University of Social Sciences and Humanities, die International University, die University of Information Technology und auch verschiedene Forschungszentren, wie etwa das Institute for Natural Resources and Environment oder das Institute for Nanotechnology. Dort werden vor allem die Bachelorstudiengänge unterrichtet, während (berufsbegleitende) Masterstudiengänge weiterhin im Stadtzentrum angeboten werden.

Es entwickelt sich am Stadtrand bzw. im sich immer weiter ausbreitenden Stadtgebiet der 10-Millionen-Metropole – freilich ohne den Charme der Innenstadtcampus zu erreichen – allmählich eine studentische Atmosphäre, auch wenn sich nach den Vorlesungszeiten und der Abfahrt der Shuttlebusse für die Lehrenden eine abendliche ländliche Ruhe ausbreitet. Mit der Fertigstellung der städtischen U-Bahn wohl Ende 2020 wird auch dieser Stadtteil, der an der Grenze zur Provinz Binh Duong liegt, in einer 20-minütigen Fahrt von Distrikt 1, dem Stadtzentrum, mühelos und bequem zu erreichen sein.

Dieser Prozess der Umsiedelung von Hochschulen ist für Ho Chi Minh-Stadt grundsätzlich nicht aufzuhalten: In nicht ferner Zukunft werden auch andere Universitäten wie etwa die University of Law oder die University of Architecture dorthin umziehen müssen. In der Innenstadt werden dabei die Verwaltungseinheiten bestehen bleiben, während der Lehrbetrieb in die Peripherie umzuziehen hat und "Campusuniversitäten" entstehen werden.

Liebe Leserinnen und Leser, mit diesem Beitrag verabschieden wir uns in die Sommerpause. Wir wünschen Ihnen allen einen schönen Sommer und einen wohlverdienten Urlaub!

(Stefan Hase-Bergen und Berndt Tilp, 14. Juni 2019)

Stefan Hase-Bergen
Leiter der DAAD-Außenstelle Hanoi

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