Vietnamesische Hochschulen gestalten ihre Studiengänge anwendungsorientierter und wollen dabei mehr mit der Industrie zusammenarbeiten. Insbesondere für deutsche FH / HAW bieten sich dabei sehr gute Kooperationsmöglichkeiten.

Deutsche Fachhochschulen bzw. Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (FH / HAW) sind in Vietnam besonders beliebt: 44 Prozent aller vietnamesischen Studierenden an deutschen Hochschulen sind an FH / HAW eingeschrieben, was deutlich über dem Durchschnitt aller internationalen Studierenden von 31 Prozent liegt (WS 2018/19, Statistisches Bundesamt). Die speziellen Qualitäten der FH / HAW wie Anwendungsorientierung und Praxisbezug in Lehre und Forschung sowie eine große Nähe zu Industriepartnern werden auch von vietnamesischen Hochschulen angestrebt.

Die Lehre an den 236 vietnamesischen Hochschulen war und ist bis heute sehr theorielastig. Textarbeit dominiert den Unterricht im Vergleich zu kompetenzbasierten Inhalten und Lehrmethoden. Das erlernte Wissen wird zumeist nicht praktisch geübt und umgesetzt. In der Regel liegt der Anteil von praktischem und anwendungsbezogenem Wissens- und Kompetenzerwerb unter 10 Prozent. Praxispartner aus der privaten und öffentlichen Wirtschaft werden nur selten einbezogen. Damit bilden viele Hochschule am Arbeitsmarkt vorbei aus.

Die vietnamesische Regierung ist sich dieser Problematik sehr bewusst und treibt daher Hochschulreformen voran, um die Leistungsfähigkeit der Hochschulen zu steigern. Denn für die weitere sozio-ökonomische Entwicklung des Landes sind gut ausgebildete Fachkräfte in allen Bereichen ein entscheidender Faktor, um zum Beispiel die Wirtschaft in Richtung "Industrie 4.0" weiterzuentwickeln.

Dazu gehört vor allem auch, dass die Studiengänge anwendungsorientierter gestaltet werden. Besonders wichtig ist dabei eine Stärkung der Zusammenarbeit von Hochschulen und Industrie, die mehr in die Studienprogramme einbezogen werden soll (Curriculum-Entwicklung, Gastdozenten aus der Industrie, Praktika, Trainingsangebote im Unternehmen etc.).

Insbesondere MINT-Hochschulen sind Vorreiter bei diesen Veränderungen. Dazu zählen die Hanoi University of Science and Technology, die Danang University of Technology oder die beiden Nationaluniversitäten in Hanoi und Saigon. Diese Hochschulen entwickeln ihre Studienprogramme zunehmend in Richtung Praxisorientierung. Konkrete Veränderungen sind zum Beispiel:

  • Anstieg der Anzahl von praktisch erworbenen Credit Points von unter 10 auf 15 - 20 Prozent;
  • Ergänzung der Studienprogramme um neue praxisbezogene Kurse (u. a. Praktika, Exkursionen, Industriebesuche, Training von Fertigkeiten, Projektarbeit, Abschlussarbeiten mit Praxisbezug);
  • Erhöhung der praktischen Anteile: 10 - 20 Prozent der Unterrichtszeit pro Kurs muss mit Unterstützung von Praxispartnern erfolgen, die zum Beispiel reale Fallbeispiele erläutern;
  • Einführung neuer Lehr- und Lernmethoden: von passivem hin zu aktivem, experimentellem und problembasiertem Lernen, inklusive Projektarbeit;
  • Einrichtung moderner Lehr- und Lernumgebungen;
  • Lehrevaluationen durch die Studierenden.

An der Hanoi University (HANU) werden beispielsweise alle zwei Jahre die Curricula auf der Grundlage von Befragungen von privatwirtschaftlichen und öffentlichen Arbeitgebern angepasst. Im Studienangebot sollen deutlich mehr Fertigkeiten innerhalb des Curriculums sowie auch durch außercurriculare Angebote vermittelt werden. Vor allem sollen die Unterrichtsinhalte einen deutlich höheren Grad an in Vietnam eher seltener Interdisziplinarität aufweisen. Ziel der Ausbildung sei laut ihrem Präsidenten Prof. Nguyen Van Trao, dass die Absolventen "ready to work" die Universität verlassen. Dafür will die HANU eng mit Industriepartnern kooperieren, die die Curriculum-Entwicklung durch eigene Experten unterstützen, Studierende im Betrieb in Praxismodulen ausbilden oder den Unterricht durch Praxiserfahrungen, praktische Übungen und Fallbeispiele ergänzen.

Deutsche FH / HAW sind in diesem Prozess sehr willkommene Partner, auch für die forschungsstärkeren vietnamesischen Spitzenhochschulen, die ihre Angebote ebenfalls praxisorientierter gestalten. Bei einer Besuchsreise Ende 2019 zeigten 14 deutsche FH / HAW ein großes Interesse an einer Zusammenarbeit mit Partnern in Vietnam. Sie versprechen sich davon neben der Gewinnung von sehr guten Studierenden oder der Durchführung von Sommerschulen auch gemeinsame angewandte Forschung in Bereichen wie Klima, Energie, Stadt-, Land- und Verkehrsplanung, Forstwirtschaft, Medizin oder Mathematik.

Gerade für deutsche FH / HAW wie auch generell für deutsche Hochschulen bietet Vietnam momentan zukunftsgewandte Kooperationsmöglichkeiten mit Vorteilen für beide Seiten.

(Mehr Informationen zur Praxisorientierung vietnamesischer Hochschulen finden Sie in zwei Artikeln auf der Webseite des DAAD-Kompetenzzentrums: www.daad.de/de/infos-services-fuer-hochschulen/kompetenzzentrum/angewandte-wissenschaften/kurzanalysen und https://static.daad.de/media/daad_de/pdfs_nicht_barrierefrei/infos-services-fuer-hochschulen/daad_länderstudie-vietnam_2019.pdf).

(Stefan Hase-Bergen, 20. Januar 2020)

Stefan Hase-Bergen
Leiter der DAAD-Außenstelle Hanoi

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