Die Universitäten Vietnams werden sich in Zukunft erheblich verändern. Denn die Regierung des Landes hat sich seit einigen Jahren ein ambitioniertes bildungspolitisches Ziel gesetzt: fort von direkter staatlicher Steuerung und Budgetierung von Universitäten und Forschungseinrichtungen, hin zu größerer Autonomie in Bezug auf Finanzen, Verwaltung und auf die Inhalte von Forschung und Lehre. Diese politische Agenda zielt auf alle Hochschulen, die sich bisher in der Trägerschaft des vietnamesischen Zentralstaates und dessen Provinzen befinden: die beiden Nationalen Hochschulen in Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt mit ihren zahlreichen Mitgliedsuniversitäten, die Hochschulen, die bislang vom Kultus- oder anderen Ministerien verwaltet werden, die regionalen Dachuniversitäten in Thai Nguyen, Hue und Danang und insbesondere auch die so genannten Provinzuniversitäten. Sie werden bisher von den insgesamt 58 Provinzen und fünf Munizipalitäten Vietnams betrieben.

Die Ziele der Regierung umzusetzen, ist für die Leitungen der Hochschulen Vietnams und deren Beschäftigte eine erhebliche Herausforderung, denn beim anstehenden Wandel soll es nicht allein um eine sicher notwendige Verwaltungsreform gehen. Aus weisungsgebundenen Lehranstalten sollen, so jedenfalls die Planungen, selbstverwaltete Körperschaften werden, mit autonomen Entscheidungen in Bezug auf ihre innere Struktur, Fächer, Institute, Studienangebote, Curricula und insbesondere ihre Forschung. Die künftige Autonomie der Hochschulen zielt darauf ab, die Studiengänge schlanker zu machen und sie dem Arbeitsmarkt anzupassen, die Qualität der Lehre und Forschung zu verbessern und die Hochschulen des Landes zu Forschungsanstalten mit einem internationalen Profil zu machen. Man verspricht sich daher viel von anderswo nicht immer nur positiv gesehenen Instrumenten wie dem Qualitätsmanagement, der Zertifizierung und Evaluation von Forschungseinrichtungen und Studiengängen und nicht zuletzt vom Hochschulranking. Besonders durch Teilnahme an letzterem soll der Standort Vietnam auch für Studierende aus dem Ausland, vor allem aus anderen Staaten Südostasiens, und für die internationale Kooperation in Forschung und Lehre sichtbarer und attraktiver gemacht werden.

Wie ein zurzeit laufendes, gemeinsames Forschungsprojekt von DAAD, der Justus-Liebig-Universität Gießen und der University of Social Sciences and Humanities in Hanoi (USSH) zeigt, ist dieser Wandel bisher noch mit erheblichen Problemen und Unklarheiten verbunden. Diese betreffen, so die Sicht der meisten Hochschulleitungen des Landes, in erster Linie die ungeklärte künftige Finanzierung der Hochschulen. Sie werden bisher aus zwei Einnahmequellen finanziert, wobei es je nach Universität deutliche Unterschiede im jährlichen Budget gibt: aus Studiengebühren (zwischen 50 und 90%) und aus Zuweisungen der Zentralregierung bzw. der Provinzen (zwischen 40 und 10% des jeweiligen Gesamtbudgets). So genannte Drittmittel für die Forschung und Mittel aus erbrachten Dienstleistungen spielen bisher nur an wenigen Hochschulen eine nennenswerte Rolle. Daher stehen die meisten Hochschulleitungen vor einem Dilemma: Die von niemandem bestrittene Notwendigkeit, die Qualität in Forschung und Lehre deutlich zu verbessern, erfordert den Einsatz erheblicher zusätzlicher Finanzmittel. Da Zentralstaat und Provinzen bereits damit begonnen haben, die Zuschüsse zu den Haushalten teilweise drastisch zu kürzen, müssen erhebliche Finanzmittel künftig selbst gewonnen werden. Dies wiederum dürfte nur in Ausnahmefällen gelingen, da Studiengebühren nicht beliebig erhöht werden können und die Drittmittelfinanzierung bisher ungenügend ausgebaut ist. Auch gibt es in Vietnam bislang noch kaum Groß- und mittlere Unternehmen, die in Studiengänge und Forschung investieren können. Vereinfacht gesagt: Eine deutliche Steigerung der Qualität in Forschung und Lehre erfordert den Einsatz erheblicher finanzieller Mittel, welche die Universitäten Vietnams in den meisten Fällen gar nicht in der Lage sein werden, zu generieren. Die Hochschulleitungen des Landes setzen daher große Hoffnungen auf die internationale Kollaboration, besonders mit Ländern wie Deutschland, denn: Die Hochschulreform wird die Handlungsfreiräume insbesondere in der internationalen Zusammenarbeit erweitern. Durch diese sollen Verwaltungsreform, Forschungsförderung und -marketing sowie multinationale Studienangebote und Forschungsprojekte vorangebracht werden. Die aktuelle Entwicklung in Vietnam ist daher, über alle noch bestehenden Unsicherheiten hinaus, für deutsche Forschende und Lehrende eine exzellente Möglichkeit, die bisherige Zusammenarbeit zu vertiefen und neue Projekte zu entwickeln.

(Prof. Detlef Briesen, 17. Februar 2020)

Professor Detlef Briesen
ist Hochschullehrer an der Justus-Liebig Universität im Fach Zeitgeschichte und seit mehreren Jahren regelmäßig als Hochschulberater für den DAAD in Vietnam. Das oben genannte Forschungsprojekt wird er ab März 2020 weiter fortsetzen.

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