Im kommenden Jahr werden die Mobilitätszahlen vietnamesischer Studierender nach einem zu erwartenden starken Rückgang in diesem Jahr voraussichtlich wieder ansteigen. Deutsche Hochschulen können dabei von der aktuellen Situation profitieren und internationale Marktanteile gewinnen. Sie sollten ihr Marketing dabei an die veränderte Situation anpassen.

Während in Deutschland die Fälle von COVID-19 weiter zunehmen, gibt es in Vietnam seit knapp vier Wochen keine Neuansteckungen mehr. Einzig ein paar "importierte" Fälle von aus dem Ausland zurückkehrenden Vietnamesinnen und Vietnamesen haben die Gesamtzahl auf aktuell 288 Fälle steigen lassen, ohne einen Todesfall bisher. Entsprechend normalisiert sich das Leben im Land nun sehr zügig. Die Hochschulen wurden nach drei Monaten Schließung bzw. partiellem Online-Unterricht am 4. Mai wieder für den Präsenzunterricht geöffnet. Das laufende Semester wird deshalb voraussichtlich um einen Monat bis Mitte Juli verlängert werden.

Das Thema Auslandsstudium spielte in den letzten Wochen und Monaten naturgemäß nicht nur in Vietnam eine viel geringere Rolle. In der DAAD-Außenstelle Hanoi und am DAAD-Informationszentrum Saigon haben wir das unter anderem an deutlich gesunkenen Besucherzahlen auf unserer Webseite, an weniger Aktivitäten auf unserem Facebook-Kanal oder auch in den wenigen Beratungsgesprächen registriert. Aber mit der Rückkehr zu einem regulären Hochschulbetrieb wird auch das Thema Auslandsstudium wieder an Bedeutung gewinnen.

Zwar werden die Zahlen vietnamesischer Studierender, die sich in diesem Jahr auf den Weg nach Deutschland machen, stark einbrechen. Gründe dafür sind neben der Corona-Situation in Deutschland und anderen Zielländern selbst auch die wirtschaftlichen Corona-Folgen für viele vietnamesische Familie, die ein Auslandsstudium ihrer Kinder aktuell nicht mehr finanzieren können. Aber schon im kommenden Jahr könnten die Zahlen wieder ansteigen, wenn vielleicht auch nicht auf das Niveau der letzten Jahre. Deutsche Hochschulen können dabei im internationalen Wettbewerb punkten und deutliche Marktanteile gewinnen, und die Grundlagen sollten dafür schon jetzt gelegt werden. Denn in Vietnam wird sehr wohl wahrgenommen, dass Deutschland unter den wichtigsten Zielländern für vietnamesische Studierende in der Corona-Krise noch am besten abschneidet, trotz der für vietnamesische Verhältnisse enorm hohen Fallzahlen. Aber das hervorragende Gesundheitssystem dürfte viele vietnamesische Eltern davon überzeugen, ihr Kind lieber in das sicherere Deutschland als zum Beispiel in die USA, nach England oder nach Frankreich zum Auslandsstudium zu schicken.

Deutsche Hochschulen sollten das für ihre Marketing-Kommunikation nutzen. 60 Prozent der rund 7.300 vietnamesischen Studierenden in Deutschland studieren in Bachelor-Studiengängen. Bei ihnen entscheiden zumeist die Eltern, wo und was sie studieren. Die für sie wichtigen Themen sollten von den Hochschulen besonders angesprochen werden: Sicherheit durch eine niedrige Kriminalitätsrate und nun vor allem auch durch das gute Gesundheitssystem, die allgemeine Qualität des Studiums mit einem hohen Praxisbezug, sehr gute Berufschancen und natürlich die vergleichsweise niedrigen Kosten für Studium und Lebenshaltung, die in dieser Situation noch einmal an Bedeutung gewinnen.

Für ein Masterstudium hingegen sollte die Zielgruppe der Studierenden mit für sie wichtigen Themen direkt angesprochen werden. Hierzu zählen Fragestellungen rund um das Studium und die Studienprogramme sowie ihre Anschlussfähigkeit in den deutschen und internationalen Arbeitsmarkt. Was konkret bietet der jeweilige Studiengang, gibt es Spezialisierungen oder Industriekontakte, wie setzt er sich mit einem "unique selling point" von ähnlichen Programmen ab etc.? Neben den Studierenden sollten auch sogenannte "Influencer" wie Lehrende, Freunde und Kolleginnen und Kollegen berücksichtigt werden.

Immer wichtiger werden natürlich digitale Studienprogramme, die die Internationalisierung der Hochschulen weltweit beeinflussen und zu einem veränderten Mobilitätsverhalten führen werden. Auch junge Vietnamesinnen und Vietnamesen werden insbesondere unter den erschwerten wirtschaftlichen Bedingungen digitale Lehr- und Lernangebote gerne wahrnehmen. Deutsche Hochschulen sollten auf diese Angebote unbedingt hinweisen.

Zwar zählt Facebook inzwischen über 60 Mio. vietnamesische User, was deutsche Hochschulen mit einem englischsprachigen Facebook-Auftritt gewinnbringend nutzen können. Dennoch sind persönlicher Kontakt an und Service der Hochschulen für die vietnamesischen Studieninteressentinnen und -interessenten gerade in dieser Zeit weiterhin von wesentlicher Bedeutung, um sie von Deutschland als einem vertrauenswürdigen Studienstandort zu überzeugen. Wenn beispielsweise vietnamesische Alumni von ihren guten Erfahrungen an einer deutschen Hochschule gerade auch während der Corona-Zeit berichten, wird das als authentisch und glaubwürdig wahrgenommen. Vietnamesen sind nämlich in der Regel exzellent vernetzt, und solche Berichte sprechen sich sehr schnell herum.

Die internationale Mobilität wird in den nächsten Monaten weltweit sinken und starken Veränderungen unterworfen sein, sich dann aber auch wieder davon erholen Umso mehr sollten deutsche Hochschulen diese Phase jetzt als Chance begreifen und sich international noch stärker positionieren, um zum Beispiel in einem attraktiven Rekrutierungsmarkt wie Vietnam neue Marktanteile im internationalen Wettbewerb zu gewinnen und sehr erfolgversprechende junge Vietnamesinnen und Vietnamesen vom Studium an ihrer Hochschule zu überzeugen.

Noch eine Information in eigener Sache: Für einen Überblick zum vietnamesischen Hochschulsystem empfehlen wir eine neue Infografik des DAAD, die Sie unter www.daad.de/de/infos-services-fuer-hochschulen/kompetenzzentrum/chancen-potenziale finden können.

(Stefan Hase-Bergen, 12. Mai 2020)

Stefan Hase-Bergen
Leiter der DAAD-Außenstelle Hanoi

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