Nach zum Teil erheblichen Einschränkungen des öffentlichen Lebens aufgrund einer Vielzahl von neuen Corona-Fällen in Zentralvietnam Ende Juli wurde nun in ganz Vietnam zur "neuen Normalität" zurückgekehrt: Im Frühherbst beginnen Schulen und Universitäten im Präsenzbetrieb das neue Schul- und akademische Jahr.

Mit Stand heute, 28. September, sind in Vietnam 1.074 Covid-19-Ansteckungsfälle zu verzeichnen, 36 davon sind noch krank. Das Land ist seit knapp vier Wochen ohne Neuinfektionen. Dieser vergleichsweise günstige Umstand ist den nach wie vor strikten Einreisebeschränkungen, dem eingestellten internationalen Flugverkehr (Lockerungen für ostasiatische Staaten werden vorsichtig eingeführt) und dem entschiedenen Vorgehen der vietnamesischen Regierung durch Abriegelung stark betroffener Gebiete und strikte Quarantäneregelungen für Einreisende zu verdanken. Gemessen an der dramatischen Entwicklung in einigen anderen Ländern kann also mit Fug und Recht behauptet werden, dass Vietnam die Pandemie weitestgehend unter Kontrolle hat, wenn auch zu einem hohen Preis, gerade für die Tourismusindustrie, die mit 9 Prozent zum BIP beiträgt: Wertschöpfungsketten und -netzwerke sind weitgehend auseinandergebrochen, Hotels stehen zum Verkauf und Mitarbeiter versuchen in anderen Segmenten des Dienstleistungssektors unterzukommen.

Dabei schlägt sich das konsequente Vorgehen der vietnamesischen Behörden positiv auf den Beginn des Schul- und akademischen Jahres nieder: die Oberstufenabschlußprüfung wurde coronabedingt landesweit verspätet im August und in den abgeriegelten Gebieten zeitlich versetzt, aber sonst erfolgreich durchgeführt, so dass im September bzw. Oktober etwa 1,7 Millionen Studienanfänger und Studierende in höheren Semestern an ihre Bildungseinrichtungen zurückkehren, um ihre Studien in Präsenzunterricht aufzunehmen bzw. fortzusetzen. Planungssicherheit für Lehrende, Forscher und Outgoings Ihrer Hochschule kann indes nicht garantiert werden: Zurzeit dürfen nur Diplomaten, Experten und Familienangehörige von Entsandten einreisen. Das Sommersemester 2021 ab März hingegen steht unter günstigeren Vorzeichen, so ein Impfstoff vorliegt, und die Mobilität wird wieder zunehmen können.

Für vietnamesische Studierende, die in den vergangenen Monaten ihren Studienort im Ausland verlassen und nach Vietnam zurückkehren mussten, wurde und wird versucht, diese in den wieder aufgenommenen Regelstudienbetrieb zu integrieren. Zeitungberichten zufolge wird eine Anerkennung von im Ausland erbrachten Studienleistungen sehr wohlwollend geprüft.

An den Universitäten selbst wird sonst nach bekannten Hygienekonzepten verfahren: Alle Räumlichkeiten werden eng getaktet desinfiziert und auf dem Campus wie auch sonst in der Öffentlichkeit müssen Atemschutzmasken getragen werden - für den Unterricht wird dies lediglich empfohlen. Die Universitätsleitungen sind dabei angewiesen, Präventions- und Notfallpläne vorzulegen.

Das Interesse am Studium in Deutschland nimmt ebenfalls wieder Fahrt auf: In beiden DAAD-Vertretungen in Vietnam weicht die Verunsicherung vorausschauender Planung der Eltern und es mehren sich entsprechende Anfragen zum Studienstandort Deutschland. Wir stellen darüber hinaus fest, dass einige Studierende, die aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien oder Australien zurückgekehrt sind, nun auch ein Studium in Deutschland erwägen. Der Studienstandort Deutschland wird also immer mehr als Alternative zu den bislang üblichen Favoriten wahrgenommen, wobei neben der Qualität der Hochschulen und den günstigen Rahmenbedingungen auch das Krisenmanagement der letzten Monate eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Auch die vietnamesischen Hochschulen kontaktieren uns wieder, um nach institutionellen Kooperationsmöglichkeiten mit deutschen Partnern zu fragen. Hier haben wir unseren Unireader Vietnam neu aufgelegt, der 50 vietnamesische Universitäten erfasst, die sich explizit für die Zusammenarbeit mit Deutschland interessieren, sei es im Kernbereich Lehre, sei es in der Forschung und darüber hinaus - werfen Sie doch einmal einen Blick hinein: www.daad-vietnam.vn/files/2020/09/Unireader-Vietnam-2020_09.pdf.

Und außerdem?

  • …nimmt die Zahl komplett englischsprachiger Studiengänge an den Universitäten in Ho Chi Minh-Stadt und in Hanoi zu.
  • …ist die Ton Duc Thang- Universität in Ho Chi Minh-Stadt im so genannten Shanghai-Ranking in die Gruppe der 800 besten Universitäten weltweit aufgestiegen (wir berichteten).
  • erhöht eine erhebliche Anzahl staatlicher Universitäten in Vietnam zum jetzigen Wintersemester die Studiengebühren - dies ein Reflex auf die Folgen der vor allem finanziell wirksamen verordneten Autonomie der Hochschulen.
  • …ist der DAAD-Alumnus Assoc. Prof. Dr. Hoang Minh Son nicht mehr Präsident der Hanoi University of Science and Technology (HUST), sondern zum Vorsitzenden des Hochschulrats der HUST berufen worden. Gerüchte besagen, dass er Chancen auf die Position eines Vize-Bildungsminister hat.

Das, liebe Leserinnen und Leser, waren die Einsichten der vergangenen beiden Monate, aber wie man in Vietnam sagt: 30 chưa phải là Tết, phút 90 chưa phải là hết - An Silvester ist das Jahr noch nicht vorbei, in der 90. Minute ist das Spiel noch nicht vorüber. Wir berichten weiter!

(Dr. Berndt Tilp, 28. September 2020)

Dr. Berndt Tilp
Leiter des DAAD-Informationszentrums Ho-Chi-Minh-Stadt

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