In Myanmar hält der landesweite Widerstand gegen die Militärjunta an, trotz mittlerweile über 250 Toten. Das Militär hat einige Hochschulen besetzt, Studierende und Lehrende wurden verhaftet und insbesondere Studentenführer teilweise gefoltert. In den Universitäten nehmen Gewalt, Verleumdungen und ein Klima großer Verunsicherung zu.

Der landesweite Widerstand gegen die Militärjunta hält in beeindruckender Stärke an, trotz massiver Gewalt gegen friedliche Demonstranten. So schießen Soldaten gezielt auf einzelne und in die Menschenmenge, mittlerweile gibt es über 250 Tote. Das Militär führt willkürliche Hausdurchsuchungen durch, und Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Civil Disobedience Movement (CDM) werden in großer Zahl verhaftet. Die Junta versucht, den zivilen und zumeist gewaltlosen Widerstand mit brutaler Gewalt zu brechen, bisher mit wenig Erfolg, denn zu lebendig und erschreckend ist für die meisten Menschen noch die Erinnerung an 50 Jahre Militärdiktatur in Myanmar. Speziell für die jungen Leute, die zehn Jahre zunehmender Demokratisierung erlebt haben, ist die Militärherrschaft eine inakzeptable Zukunftsoption.

Viele Studierende und auch Lehrende beteiligen sich aktiv an der CDM. Entsprechend geht das Militär besonders hart vor allem gegen Studentenführer vor, viele von ihnen wurden in der Haft misshandelt, und unter den Toten sind etliche Studierende. Etliche Schulen und Hochschulen wurden vom Militär besetzt oder werden als Lager für die Soldaten genutzt, ebenso wie Krankenhäuser oder auch einige religiöse Stätten, teils unter dem Vorwand, dass die Bevölkerung um Schutz gebeten habe.

Neben der offenen Gewalt soll der Widerstand an den Hochschulen auch durch andere, eher subtile Methoden aufgeweicht werden: Die Angehörigen von Hochschulen und anderen zivilen Einrichtungen wurden aufgefordert, in einem Fragebogen zu erklären, ob sie sich der CDM anschließen oder nicht. Das führte viele demokratisch Denkende in schwere innere Konflikte, denn bei einer positiven Antwort drohten ihnen und ihren Familienangehörigen die Entlassung aus dem Staatsdienst, Streichung von Pensionen und Verlust von Dienstwohnungen, Verfolgung und Gefängnis. Entsprechend beantworteten viele die Frage aus Angst und Sorge um ihre Familien mit “Nein”, mit der Folge, dass sie von Aktivisten in der CDM geschmäht und öffentlich über Facebook gebrandmarkt werden. Der Versuch, die CDM zu spalten, wird durch Verleumdungen und Diffamierungen gezielt vorangetrieben und führt dazu, dass inzwischen ein Klima der Angst, des Misstrauens und der Unsicherheit an den Hochschulen zunimmt. Viele Menschen stehen unter großem persönlichen Druck und müssen befürchten, von den eigenen Kolleginnen und Kollegen verleumdet, angezeigt und verfolgt zu werden.

Ein aussichtsloses Unterfangen ist es unter diesen Umständen, wenn ein Rektor sich nicht offen der CDM anschließt und stattdessen versucht, mäßigend zu wirken und über Dialog und andere Wege die Lage zu verbessern, zumindest aber weiteres und womöglich noch schlimmeres Blutvergießen zu verhindern. Nicht nur das Militär ist für diesen Weg nicht zugänglich, auch viele Anhänger der CDM stufen einen solchen Rektor als Verräter ein.

Das Kollegium und die Studierendenschaft der Hochschulen sind nun zumeist innerlich zerrissen und kaum noch handlungsfähig.  Ob und wie sie in der Zukunft, wenn sich so etwas wie Friedhofsruhe über das Land gelegt haben wird, wieder arbeitsfähig sein werden, ist noch völlig offen. Denn zum einen haben viele Studierende und Lehrende angekündigt, unter dem Militär nicht an die Hochschulen zurückkehren zu wollen, und zum anderen werden viele verhaftet oder gar getötet sein.

Für die eingeleitete und dringend benötigte Reformierung des Hochschulsystems ist diese Entwicklung fatal. Viele Angehörige der Hochschulen beteiligen sich am Widerstand, weil sie befürchten, dass die vorsichtigen Reformschritte an den Universitäten vor allem in Richtung Hochschulautonomie beendet oder gar rückgängig gemacht werden, dass die Hochschulen in Zukunft überwiegend von vom Militär eingesetzten Rektoren und Führungsebenen geleitet werden, und dass die eingeleiteten Bemühungen um eine Verbesserung der Qualität in der Lehre durch neue Lehrinhalte  und -methoden, um Internationalisierung, Qualitätssicherungsmaßnahmen oder eine Intensivierung der Forschung zunichte gemacht werden. Der National Education Strategy Plan 2 (2021 – 2030), der das gesamte Bildungssystem weiter reformieren und international anschlussfähiger machen soll, liegt im Entwurf vor, ist aber bisher nicht beschlossen.

Die Hochschulreformen wurden bisher sehr von internationalen Partnern wie der EU, dem Vereinigten Königreich, den USA, Australien, Japan und auch vom DAAD mit finanziellen Mitteln, Expertise und Stipendien unterstützt. Diese Unterstützung sowie viele bilaterale Projekte sind nun fast komplett zum Erliegen gekommen, viele Geldgeber haben sich bewusst und aus guten Gründen aus Myanmar zurückgezogen.

Es steht zu befürchten, dass es lange dauern wird, bis internationale Kooperationen wieder möglich sein werden, zumal internationale Partner und Hochschulen sicher nicht als Unterstützer der Militärjunta angesehen werden wollen. Dennoch sollte eine Zusammenarbeit mit Hochschulen in Myanmar weiterhin eine ernsthafte Option sein, um die Situation in Lehre, Forschung und Verwaltung zu verbessern und auch demokratische Kräfte im Land zu unterstützen, getreu dem DAAD-Motto “Wandel durch Austausch”.

(Stefan Hase-Bergen, 24. März 2021)

Stefan Hase-Bergen
Leiter der DAAD-Außenstelle Hanoi

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