Nach einem jahrelangen Rückgang ist die Zahl der Studierenden an vietnamesischen Hochschulen erstmals wieder gestiegen. Zugleich legen die Hochschulen mehr Wert auf Qualität und eine praxisorientierte Ausbildung. Für deutsche Hochschulen bieten sich daher weiterhin gute Rekrutierungschancen in Vietnam.

Seit dem Studienjahr 2014/15 waren die Studierendenzahlen an vietnamesischen Hochschulen kontinuierlich um über 15 Prozent gesunken, von rund 1,93 Millionen auf 1,63 Millionen 2018/19. Dieser Rückgang betraf vor allem die Bachelorstudierenden (Rückgang von 1,83 Millionen auf 1,53 Millionen), während der allerdings nur geringe Anteil von Masterstudierenden in dieser Zeit sogar leicht ansteigen konnte (von 92.300 auf 97.100).

Zum Studienjahr 2019/20 hat es nach den aktuellen Zahlen des General Statistics Office Vietnam überraschend eine Trendumkehr gegeben: Die Zahl der Bachelorstudierenden ist im Vergleich zum Vorjahr um beachtliche 9,6 Prozent auf 1,67 Millionen gestiegen und beträgt nun 94 Prozent aller 1,78 Millionen Studierender, während die Zahl der Masterstudierenden leicht auf 94.900 zurückgegangen ist.

Die Zahl der Studierenden könnte auch weiter ansteigen, wenn man auf die Zahl der Teilnehmenden an der für die Hochschulzulassung wichtigen Nationalen Oberstufenprüfung guckt: Sie ist 2021 von 900.000 im Vorjahr auf 1,2 Millionen gestiegen ist. Von denen strebten laut Vizebildungsminister Hoang Minh Son 800.000 ein Studium zum Studienjahr 2021/22 an, 24 Prozent mehr als im Vorjahr. Bei einem gleichbleibenden Studienplatzangebot begegneten die Hochschulen dieser gestiegenen Bewerberzahl mit zum Teil deutlich höheren Zulassungsnoten.

Auffällig bei dem Blick auf die aktuellen Statistiken ist auch, dass nur die staatlichen Hochschulen einen starken Rückgang in den letzten Jahren zu verzeichnen hatten, während die Zahl der Studierenden an privaten Hochschulen seit 2014/15 kontinuierlich auf zuletzt 313.000 gestiegen ist. Allerdings liegt deren Anteil insgesamt nur bei 18 Prozent und damit weit entfernt von der Zielsetzung von 40 Prozent Studierender an privaten Hochschulen.

Die Gründe für den Rückgang waren vielfältig: Insbesondere wurden die Studierenden oft nicht für Bedürfnisse eines modernen Arbeitsmarktes adäquat ausgebildet. Ein viel zu theorielastiger und sehr lehrerzentrierter Unterricht, der auf die Vermittlung von Kompetenzen fast vollständig verzichtete, führte zu einer hohen Arbeitslosigkeit unter jungen Hochschulabsolventinnnen und -absolventen. Statt eines Studiums an einer vietnamesischen Hochschule schickten mehr und mehr Eltern ihre Kinder lieber direkt in den Arbeitsmarkt oder auch, wer es sich leisten konnte und kann, zum Studium in das Ausland.

Aber zuletzt haben mehr und mehr Hochschulen die Bedeutung von mehr Praxisbezug und modernen Lehrmethoden erfasst und sich entsprechend darauf eingestellt. Die Berufsaussichten haben sich nach einem Studienabschluss vor allem an guten Hochschulen verbessert, viele Absolventinnen und Absolventen finden nun nach ihrem Bachelor eine angemessene Stelle.

Das Masterstudium hingegen streben nur wenige an, in erster Linie diejenigen, die eine wissenschaftliche Karriere im Blick haben. Der Master gilt ansonsten nur selten als Sprungbrett für eine erfolgreiche Karriere außerhalb der Wissenschaft. Da ein Masterstudium zudem viel Geld kostet, entscheiden sich nur sehr wenige Studierende und ihre Eltern dafür.

Eine geringe Zahl an Masterstudierenden hat natürlich negative Auswirkungen auf die weitere Entwicklung und Leistungsfähigkeit der Forschung insbesondere an den Hochschulen in Vietnam. Die Zahl der Promovierenden ist sicher auch wegen der geringen Zahl an Masterstudierenden in den letzten Jahren auf niedrigem Niveau geblieben und lag 2019/20 bei nur 11.000, von denen gerade einmal 847 erfolgreich abschließen konnten, so wenig wie seit 2014/15 nicht mehr. Der Pool von erfolgversprechenden Forscherinnen und Forschern ist damit recht klein.

Wenn aber die Trendumkehr anhält und sich in den kommenden Jahren wieder kontinuierlich mehr junge Menschen und ihre Eltern für ein Hochschulstudium entscheiden, dürfte sich auch der Anteil der Masterstudierenden erhöhen, zumal die Hochschulen zunehmend mehr Wert auf die Forschung legen und auch die Bedingungen dafür verbessern.

Für deutsche Hochschulen bedeuten diese Zahlen auch in den kommenden Jahren gute Rekrutierungschancen, zumal die vietnamesischen Hochschulen immer mehr Wert auf die Qualität von Lehre und auch Forschung legen. Zugleich besteht mittelfristig die Hoffnung, dass auch vietnamesische Hochschulen zunehmend gute Forschungspartner werden können.

(Stefan Hase-Bergen, 20. September 2021)

Stefan Hase-Bergen
Leiter der DAAD-Außenstelle Hanoi

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