Die Doktorandenausbildung in Vietnam befindet sich in einem Dilemma zwischen quantitativen und qualitativen Anforderungen: Für das Wissenschaftssystem werden mehr Promovierte benötigt, zugleich aber muss die Qualität der Doktorandinnen und Doktoranden verbessert werden. Das hat zuletzt zu einem Hin und Her unterschiedlicher Anforderungen geführt.

Blickt man auf die Zahlen der Promovierenden in Vietnam in den vergangenen Jahren, ist keine stetige Entwicklung, sondern ein starker Rückgang nach 2017 zu erkennen: Wurden im Studienjahr 2016/17 noch knapp 13.600 und 2017/18 sogar knapp 14.700 Promovierende in Vietnam gezählt, sanken diese Zahlen 2018/19 und 2019/20 drastisch auf 11.000 bzw. 11.054 (-24,7%).

Das hatte seinen Grund in einer 2017 eingeführten Regelung, laut der vietnamesische Promovierende vor der Abgabe ihrer Dissertation zwei Veröffentlichungen (peer-reviewed) in wissenschaftlichen Zeitschriften benötigten. Eine davon musste in einem internationalen Zeitschriften-Index (z.B. Scopus oder World of Science (WoS)) erfasst sein. Alternativ konnten sie diese international veröffentlichten Artikel durch ein wissenschaftliches Buchkapitel oder zwei wissenschaftliche Konferenzpapiere ersetzen, jeweils in einer Fremdsprache verfasst.

Hintergrund dieser neuen Regelung war viel interne Kritik an der mangelnden Qualität vietnamesischer Promotionen. Die Anforderung, mehr Promovierende in das Wissenschaftssystem und an die Hochschulen als Dozierende und Forschungspersonal zu bringen, wurde von den vietnamesischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen oft auch durch ein Absenken qualitativer Standards erbracht. So wuchs zum Beispiel die Zahl der PhD-Abschlüsse bei der Vietnam Academy of Social Sciences (VASS) bis 2016 rasch an, zugleich aber hatten 1.000 Forschende an der VASS zwischen 2011 und 2015 nur 22 WoS-indizierte Artikel veröffentlicht.

Nach der Einführung der Regelung sank die Zahl der neuen Promovierenden in Vietnam von 3.074 (2017) auf 903 im Jahr 2019. Zugleich aber stieg die Zahl der in WoS und Scopus aufgeführten Publikationen um durchschnittlich 39% jährlich von 7.034 (2017) auf 18.886 im Jahr 2020.

Nun aber ist diese 2017 eingeführte qualitative Anforderung an Promotionen des Ministry of Education & Training (MoET) wieder abgeschafft worden. Insbesondere die Verpflichtung zu einer internationalen Publikation als Voraussetzung für eine Promotion wurde in der im Juni 2021 verabschiedeten Regelung zurückgenommen. Vietnamesische Promovierende müssen zwar weiterhin im Vorfeld ihrer Dissertation zwei Artikel veröffentlichen, können das aber nun in wissenschaftlichen Zeitschriften in Vietnam tun. Allerdings, so das MoET, hätten vietnamesische Hochschulen im Zuge ihrer zunehmenden Autonomie das Recht, selbst höhere Standards und damit die Verpflichtung zu einer internationalen Publikation zu setzen. So verlangt beispielsweise die Hanoi University of Science & Technology für eine Promotion neben nur zwei internationalen Publikationen auch noch zwei internationale Konferenzbeiträge.

Diese Abkehr der Verpflichtung zu einer internationalen Publikation hat zu heftiger Kritik unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an vietnamesischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen geführt. Insbesondere wird eine Verlangsamung der notwendigen Internationalisierung des vietnamesischen Forschungssystems befürchtet. Zudem sei eine internationale Publikation ein Qualitätsmerkmal, das angesichts der teilweise niedrigen Betreuungsqualität und dem nicht durchgehend internationalen akademischen Standards entsprechenden Niveau wissenschaftlicher Zeitschriften in Vietnam nötig sei.

Das Lavieren zwischen den Regelungen sowie auch die Diskussionen in der scientific community zeigen das vietnamesische Dilemma von Quantität und Qualität in der Doktorandenausbildung: Zum einen werden viele promovierte Lehrkräfte und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler benötigt, um die wissenschaftliche Lehre auf ein höheres Niveau zu heben und um genügend personelle Kapazitäten für das Ziel von mehr und besserer Forschung an den Hochschulen zu erreichen. Zugleich aber stellt sich dabei immer wieder die Frage der Qualität in der Doktorandenausbildung, denn zu viele schlecht ausgebildete Doktorandinnen und Doktoranden stellen seit vielen Jahren eine Herausforderung dar, für die das MoET bisher keine langfristig befriedigende Lösung gefunden hat.

Für deutsche Hochschulen gibt es wohl nicht in der Breite, sehr wohl aber in der Spitze gute Möglichkeiten, erfolgversprechende vietnamesische Promovierende zu gewinnen. Der DAAD bietet dafür Promotionsstipendien an, um die Finanzierung dieser Promovierenden zu gewährleisten. In diesem Jahr verzeichnete der DAAD allerdings einen Rückgang an Bewerbungen um rund 25%, was in erster Linie der COVID-Pandemie und dem damit verbundenen langen Lockdown inklusive Ausgangssperre vor allem in Ho-Chi-Minh-Stadt geschuldet war. Es ist zu hoffen, dass sich nun im kommenden Jahr viele Interessierte bewerben werden. Deutsche Hochschulen mit Interesse an Promovierenden aus Vietnam können sich gerne bei der DAAD-Außenstelle in Hanoi melden.

Zum Schluss noch der Hinweis auf zwei interessante Veranstaltungen des DAAD bzw. mit DAAD-Beteiligung:

(Stefan Hase-Bergen, 28. Oktober 2021)

Stefan Hase-Bergen
Leiter der DAAD-Außenstelle Hanoi

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