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Myanmar - Nach dem Militärputsch

Nach dem Militärputsch in Myanmar ist völlig unklar, wie die Auswirkungen auf die Hochschulen aussehen und ob die Hochschulreformen fortgesetzt werden können. Deutsche Hochschulen sollten nun den Gesprächsfaden nicht abreißen lassen.

Vor einer Woche, in den Morgenstunden des 1. Februar 2021, putschte in Myanmar das Militär, setzte die Zivilregierung ab und verhinderte, dass das neu gewählte Parlament zu seiner konstituierenden Sitzung zusammentreten konnte. Die Militärführung um ihren obersten General Min Aung Hlaing begründete die gewaltsame Machtübernahme mit angeblichen und unbewiesenen Manipulationen bei der Parlamentswahlen im November 2020, bei der die Nationale Liga für Demokratie (NLD), die Partei der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, die Wahlen zum zweiten Mal nach 2015 haushoch gewonnen hatte.

Das Militär verhaftete neben Aung San Suu Kyi und Präsident Win Myint etliche Regierungsmitglieder und Parlamentsabgeordnete, darunter auch Bildungsminister und DAAD-Alumnus Dr. Myo Thein Gyi. Viele von ihnen sind mittlerweile wieder zu Hause, während Aung San Suu Kyi noch unter Hausarrest steht.

Der Staatsstreich beendete die fast zehnjährige Phase einer vorsichtigen Demokratisierung Myanmars, nachdem das Militär zuvor 50 Jahre diktatorisch geherrscht hatte. Diese lange Phase der Militärherrschaft hatte in den Jahren internationaler Isolation dazu geführt, dass das gesamte Bildungssystem in Myanmar durch fehlende Investitionen vor allem in die Infrastruktur (Gebäude, Bibliotheken, Labore u.a.) und auch durch eine schlechte zentrale Steuerung stark unterentwickelt war und bis heute noch ist.

Insbesondere die Hochschulen standen dabei im Fokus: Bis zum Militärputsch 1962 zählte beispielsweise die noch unter britischer Kolonialherrschaft gegründete Yangon University als größte und wichtigste Hochschule in Myanmar auch zu den führenden südostasiatischen Universitäten. 1964 wurde sie vom Militär als immer wiederkehrender Ausgangspunkt studentischer Unruhen und Opposition zerschlagen, viele einzelne Institute wurden aus der Yangon Universität herausgelöst und in fachliche spezialisierte kleine Universitäten umgewandelt. Die Hochschule verlor so nach und nach ihre Bedeutung. Dennoch spielte sie bei vielen Demonstrationen eine wichtige Rolle und galt als ein Zentrum der politischen Opposition. Nach Demonstrationen 1996 wurde die Universität weitgehend bis zur Wiedereröffnung 2013 geschlossen.

Ein Blick auf das myanmarische Bildungssystem heute zeigt in der Folge, dass es trotz eines zehn Jahre währenden und nun wohl beendeten “Tauwetters” weiterhin grundlegender Reformen bedarf, die zum Teil auch schon eingeleitet wurden. So wurde 2014 ein “National Education Law” verabschiedet, das einen nationalen Rahmen für die Einführung etlicher Reformen in den verschiedenen Bildungsbereichen liefern sollte. Zu diesen Reformen zählen eine kostenlose Grundschulpflicht, die Ausdehnung der Schulzeit von 11 auf 13 Schuljahre, die sprachliche und kulturelle Integration der zahlreichen Ethnien sowie allgemein eine Dezentralisierung des Bildungssystems. Für den Hochschulbereich wurden in diesem Gesetz unter anderem die Hochschulautonomie, die Einführung standardisierter Qualitätssicherungsmaßnahmen, das Recht zur Gründung von Vereinigungen (zum Beispiel Studentenvereinigungen) sowie das Recht der Hochschulen, selbständig Curricula zu entwickeln, festgeschrieben.

Die 174 staatlichen Hochschulen in Myanmar unterstehen bisher der strikten Aufsicht und Kontrolle von acht Ministerien, insbesondere dem Ministry of Education. Bildungsminister Dr. Myo Thein Gyi hatte zuletzt erste Schritte für mehr Hochschulautonomie eingeleitet und zunächst 16 Pilothochschulen in Yangon und Mandalay die Möglichkeit für mehr Autonomie eröffnet. Grundsätzlich sollte, so der Bildungsminister in einer Rede 2019, “das traditionelle zentralistische Steuerungsmodell durch ein eher gemeinschaftliches Modell ersetzt werden, das Leistung, Verantwortung und Autonomie in den Mittelpunkt rückt”.

Nach dem Militärputsch in der vergangenen Woche ist nun sehr fraglich, ob die Reformen im Bildungsbereich und insbesondere in den Hochschulen fortgesetzt werden können. Das Beispiel der teilweisen Zerschlagung und Marginalisierung der Yangon University 1964 zeigt, wie suspekt den Militärs starke und gut funktionierende Hochschulen sind.

In der Bevölkerung formiert sich zunehmend Widerstand gegen die Militärjunta. Neben Aktionen zivilen Ungehorsams demonstrieren in der größten und ehemaligen Hauptstadt Yangon seit einigen Tagen hunderttausende Menschen gegen das Militär und für die Freilassung von Aung San Suu Kyi. Auch in Mandalay und anderen Städten kommt es zu Protestdemonstrationen. Als Folge hat die Junta das Kriegsrecht über Teile des Landes verhängt. Auch an den Hochschulen formiert sich der Widerstand. So rief die All Burma Federation of Student Unions zum friedlichen Kampf gegen die Militärherrschaft auf.

Nach unseren Informationen sind bisher alle Rektorinnen und Rektoren noch auf ihrem Posten. Aber wie sie in Zukunft ihre Hochschulen führen können und welche Richtung nun das Hochschulsystem in Myanmar nimmt, ist eine der vielen offenen Fragen.

Der DAAD und etliche deutsche Hochschulen hatten auch zu Zeiten der 50-jährigen Militärjunta den Gesprächsfaden zu ihren Partnern in Myanmar nie abreißen lassen und sie im Rahmen der Möglichkeiten unterstützt. Das sollte auch jetzt das Gebot der Stunde in dieser für die meisten Burmesen sehr schweren Zeit sein!

(Stefan Hase-Bergen, 09. Februar 2021)

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